Wir beschäftigen uns dieses Semester mit dem Umbau von Bestandsgebäuden. Genauer gesagt mit einem Komplex im Nordosten Gothas in Thüringen. Dieser setzt sich aus verschiedenen Gebäuden wie Autowerkstätten und Fachwerkhäusern zusammen. Früher war dort viel los. Es gab zwischenzeitlich unter anderem einen Betrieb mit ca. 40 MitarbeiterInnen, eine Kegelbahn und Wohnungen. Heute möchte der Besitzer die mittlerweile heruntergekommenen und zum Teil leerstehenden Gebäude verkaufen. Als Kurs möchten wir diesen unauffälligen Bestand verstehen und seine Qualitäten durch architektonische Eingriffe in einen neuen Kontext bringen.
Wir sind Fabi und Konrad, studieren beide Architektur im Bachelor und sind im 7. Semester. Wir hatten bisher in unserem Studium unterschiedliche Schwerpunkte und wollten uns dieses Semester gerne mit dem Bauen im Bestand auseinandersetzen. Außerdem kommen wir beide aus Auslandsjahren in Athen und Glasgow zurück, wo wir die Möglichkeit hatten frei zu arbeiten. Da wir beide das Gefühl hatten, dass dieses Projekt auch einen freieren Ansatz zulässt, haben wir uns dafür entschieden. In diesem Semester wollen wir bewusst auch unsere Interessen außerhalb der Architektur einfließen lassen, zum Beispiel aus Film, Fotografie oder Bühnenbild und diese als Inspiration nutzen.
In der ersten Woche des Kurses sind wir mit einer Exkursion nach Gotha gestartet, um den Bestand direkt vor Ort kennenzulernen. Wir konnten die Gebäude sowohl von außen als auch von innen besichtigen und sollten sie aufmessen. Da der Gebäudekomplex ziemlich groß ist, war es etwas stressig, alles in nur wenigen Stunden zu schaffen. Dafür wurden für jedes Gebäudeteil zufällige Gruppen eingeteilt, die ihr Gebäude für die nächste Woche digital zeichnen und präsentieren sollten.
Von der Straße sieht man ein Wohnhaus aus den 20ern
Konrad beim Aufmessen
Die Gebäude arrangieren sich um einen Hof
Ein Toilettenhaus für die ehemaligen MitarbeiterInnen
Ein Hinterhof, der jetzt als Abstellort dient
Die Fassaden sind simpel und unauffällig
Das blaue Tor führt zur Autowerkstatt
Eine Autowerkstatt ist noch in Betrieb
Die zweite Werkstatt liegt direkt daneben
Sie wird als Reifenlager genutzt
Einige Gebäude sind beschädigt
Manche Innenräume sind uns besonders aufgefallen
Sie wirken wie eine Collage aus Tapeten und Texturen verschiedener Zeitschichten
Einer von vielen Abstellräumen
Durch Licht und Details entstehen viele schöne Situationen
Scheinbare Alltagsarchitekturen sind eigentlich komplexe Strukturen
Versteckte Dachräume haben etwas mystisches
In den ersten Wochen ging es nun vor allem darum, sich intensiv mit dem Bestand auseinanderzusetzen und dann eine Situation auszuwählen, die man persönlich spannend oder besonders interessant fand. Diese Situation sollte dann in einer Handzeichnung dargestellt werden. In der darauffolgenden Woche wurden die Zeichnungen dann in der Gruppe vorgestellt und besprochen.
Konrad
Fabi
Ich habe mich mit den Gebäudeteilen C und D beschäftigt. Besonders spannend ist die Eingangssituation mit dem blauen Tor vor der Werkstatt, geprägt von markanten Stützen und Oberlichtern. Diese Qualität wird jedoch durch die später angebaute Mensa teilweise verdeckt. Die Zeichnung zeigt den Übergang von öffentlichen über halb-öffentliche hin zu privaten Bereichen und stellt die Frage, ob auch das Verborgene eine eigene Qualität haben kann.
Am meisten aufgefallen sind mir die Gebäude H und G. Haus G hat einen starken Wasserschaden, der sich wie ein Parasit durch alle Geschosse frisst. Beide Häuser haben außerdem eine merkwürdige Ansammlung von Texturen und Möbeln, die sich vermutlich durch häufige Nutzungswechsel und die daraus resultierenden Ansprüche gebildet hat. In meiner Zeichnung gucke ich mir dabei Haus H genauer an. Interessant fand ich dabei vor allem die Texturen, aber auch den Weg zum Dachraum über eine Leiter.
Weil wir keine richtige Exkursionswoche hatten, haben wir in der nächsten Woche mit drei Freundinnen, die das gleiche Projekt machen wie wir, einen kleinen Trip nach Chemnitz unternommen. Keiner von uns war schon einmal dort, und wir wollten uns die Stadt einfach mal anschauen.Dort waren wir ohne einen richtigen Plan unterwegs und sind einfach ein bisschen durch die Stadt gewandert. Außerdem haben wir mit ein paar Leuten aus unserem Kurs eine kleine Wanderung durch den Thüringer Wald geplant.
Jetzt sollten wir uns in Gruppen zusammenfinden. Da wir schon im ersten Semester zusammengearbeitet haben und in den Semesterferien bereits darüber gesprochen hatten, konnten wir uns beide gut vorstellen, wieder zusammenzuarbeiten. Die Gruppenzusammenstellung ist dabei immer wichtig, da die anderen Personen einen großen Teil des Studienalltags ausmachen. Da die Gruppen aus drei Personen bestehen sollten, wurde uns noch eine Erasmus-Studentin zugeteilt. Inzwischen haben wir auch unsere Plätze im Arbeitsraum bezogen und konnten uns dort richtig einrichten.
Zuerst setzten wir uns zusammen, um über unsere Vorstellungen für den Entwurf zu sprechen und erste Ideen zu sammeln. Wir entschieden uns dafür, uns mit den Wohnhäusern zu beschäftigen, da wir die Dachlandschaft und den Wasserschaden alle sehr spannend fanden. Besonders interessant war für uns die Idee, das Gebäude G als Ruine stehen zu lassen und den Verfall bewusst hervorzuheben. Innerhalb des Gebäudes möchten wir nach Momenten suchen, die uns besonders interessant erscheinen um diese dann miteinander zu verbinden.
Nach unserem Grundstücksbesuch und der Festlegung der Gruppen nach der Vorübung, findet der Kurs mittlerweile einmal wöchentlich -jeden Donnerstag also - statt.
Diese Donnerstage laufen meistens so ab, dass jede unserer vierzehn Gruppen einen individuellen Konsultationstermin hat, in der sie ihren Arbeitsprozess den Lehrpersonen vorstellt und diese dann Anregungen und Vertiefungsvorschläge liefern.
Manchmal haben wir auch einen Input bekommen, ob von unserem Professor oder Studierenden, die er in vorherigen Semestern betreut hat. Das war auch eine zusätzliche Möglichkeit um Inspirationen zu sammeln.
Eigentlich sind wir es durch unser Studium gewohnt, etwas vollständiges und "realistisches" zu planen. Eine Simulation eines architektonischen Wettbewerbs sozusagen.
Dieses Semester sollen wir lernen, eben diesen Ansatz zu hinterfragen und die Unvollständigeit, Sponanität und Improvisation, die Bauen im Bestand oft an sich hat bewusst zu einem Element zu machen.
Durch den Kurstitel Fictional Ruins bedeutet das für unsere Gruppe außerdem, fiktionale Elemente einzbringen - das können Ideen aus Film und Theater oder Theorie sein - und sich nicht wie sonst den Kopf darüber zu zerbrechen ob unser Projekt in Realität gebaut werden könnte oder eben nicht.
Am meisten zeigt sich für uns der fragmentarische Ansatz dadurch, dass wir ohne Konzept entwerfen sollen.
Das heißt weder eine Nutzungsvorgabe von Anfang an, noch das Ziel zu einem Nutzungsvorschlag am Ende des Semesters zu kommen. Die architektonischen und räumlichen Potenziale, die wir sehen und die uns interessieren sollen wir verfolgen, die anderen ausblenden.
In den frühen Entwurfswochen merken wir, wie befreiend diese Herangehensweise ist, wie herausfordernd sie aber auch sein kann. Jeder Tag im Studio wird zu arbeiten nach Bauchgefühl, selten wissen wir wo es hinführt.
Trotzdem denken wir, dass der Ansatz des Kurses vor allem in diesem Teil Gothas, in dem sich das Grundstück befindet, seine Berechtigung hat.
Der Besitzer möchte die Häuser verkaufen. Wenn man sich die Umgebung von ihnen anguckt sieht man hohen Leerstand und zurückgelassene Häuser. Vielleicht ähnliche Schicksale. Und auch wenn der Besitzer einen Interessenten finden sollte, unsere Häuser mit Wasserschaden würde dieser wahrscheinlich so schnell wie möglich abreissen.
Um unsere Entwürfe räumlich zu entwickeln und zu denken sind verschiedene Mittel hilfreich. Seit spätestens dem dritten Semester ist es für uns aber zur Normalität geworden, vor allem digitale Werkzeuge: CAD Programme (ArchiCad), 3D Softwares, Photoshop etc; zu benutzen.
In diesem Semester sollen wir analoge Entwurfsmittel - vor allem Handzeichnung und Modellbau - wiederentdecken. Vor allem zu Semesterbeginn bedeutet das also nun auch, umzulernen und diesen Werkzeugen wieder mehr Platz zu schaffen, als sie es seit einigen Semestern nur noch hatten.
Auch wenn wir vorwiegend analog arbeiten, bedeutet das deshalb nicht, dass die digitalen Werkzeuge weggelassen werden. Sie sind zwar weder Mittel für die finale Darstellung, noch haben sie den sonst üblichen Perfektions-Anspruch, trotzdem bauen wir aber beispielsweise für komplexe 3-dimensionale Zeichnungen ein 3D Modell. Dieses dann allerdings nur mit so viel Präzision, dass wir es als Schablone benutzen können, um eine Handzeichnung daraus zu machen.
Unser häufigstes Werkzeug dieses Semester sind Handzeichnungen. Dabei benutzen wir das als Überbegriff für Zeichnungen, die unterschiedliche Ziele haben. Manche Zeichnungen dienen dazu, Gedanken abstrakt aufs Papier zu bringen, manche dazu, erste Visualisierungs-Ideen auszuprobieren.
Konzeptzeichnung
Fassadenzeichnung
Fassadenzeichnung
Texturenskizze
Konzeptzeichnung
Fassadenpiktogramm
Acryl Zeichnung
Konzeptaxonometrie
Aufklapp-Grundrisse
Grundrissstudien
Technische-Zeichnung
Was alle Zeichnungen für uns dabei aber gemeinsam haben ist, dass wir in ihnen Entwerfen. Das heißt nicht wie sonst etwas diskutieren und dann auszuprobieren im CAD, sondern zu zeichnen und beim Akt des Zeichnens der Intuition zu folgen. Zum Beispiel Striche zu setzen die nicht da sind, Fenster zu vergrößern die nicht so sind und andere Elemente zu ergänzen, die sich richtig anfühlen.
Daraus folgt auch, dass jedes Gruppenmitglied ein eigenes Bild vor Augen hat und diesem Raum schaffen darf. Die Zeichnungen müssen nicht unbedingt gleich sein und der Stil nicht der selbe. Es geht darum sich persönlich mit dem Bestand auseinanderzusetzen und ihn weiterzudenken. Manche Eingriffe existieren am Ende nur in einer Zeichnung, weil sie nur dort funktionieren. Dadurch wird jeder Eingriff auf gewisse Art verzichtbar oder zu einem möglichen Vorschlag ohne Zwang und ohne Pflicht, genau dort zu sein, wo er in der Zeichnung ist.
Bei anderen Elementen - denen die den Entwurf definieren (Gauben, Balkonen etc.) - ist das anders. Sie sind die Eye-Catcher des Entwurfs und in jeder Zeichnung zu finden. Diese Elemente haben wir als Gruppe zusammen gefunden, diskutiert und entschieden.
Ähnlich zu den Zeichnungen probieren wir unsere Ideen in Modellen räumlich aus. Dabei haben manche Modelle einen höheren Abstraktionsgrad als andere.
Auch hier bewährt sich die Methode, einfach auf sich los zu bauen, denn der Bestand ist schon entworfen und allein ihn abstrakt nachzubauen würde sofort zum Entwurf.
Arbeitsmodell Haus G
Innenraumversuch Haus H
Dachmodell Haus H
Arbeitsmodell Haus G (Dach, Lichtschacht)
Modellsammlung
Manche Modelle erforschen sowohl Fassade als auch Innenraum
Volumenversuche
Dach Innenraum
Durch die ganzen Modelle vergrößert sich das Chaos auf unserem Tisch und in unseren Köpfen was sehr viel Spaß macht, ab und zu aber auch Zeit zum Ordnen braucht.
Wo früher vierzig Menschen gearbeitet haben, ist es heute still. In den Büros sind die Spuren des Alltags noch präsent, fast so, als wäre der Betrieb erst vor Kurzem eingestellt worden. Nur die Wasserschäden durchbrechen diese Momentaufnahme und machen den Lauf der Zeit sichtbar. Überall finden sich unterschiedliche Bodenbeläge und Wandfliesen, Relikte verschiedener Geschmäcker und Zeiten.
alte Aufnahme mit ehemaligem Nachbargebäude, das jetzt abgerissen ist
Wasserschaden, der sich durch das Gebäude zieht
Niveauunterschiede innerhalb der Gebäude
Haus G wurde später errichtet und zwischen zwei bestehende Wohngebäude eingefügt. Dies wird durch zahlreiche Durchbrüche, Höhenversprünge und kleine Treppen lesbar, die Niveauunterschiede ausgleichen. Auch in der Dachstruktur setzen sich die Unterschiede fort: Veränderungen in den Firsthöhen zeigen, dass das Gebäude einst mit einem benachbarten Bau verbunden war, der inzwischen abgerissen wurde. Wir legen die Texturen und räumlichen Spuren der Vergangenheit frei und machen sie sichtbar. Der Verfall darf dabei nach außen treten und als Teil des Ortes erfahrbar werden.
Gebäude G mit unseren Eingriffen
Axonometrie aller neuen Eingriffe in Gebäude H und G von unten
Schnitt von Gebäude G
Ansicht/Schnitt von Gebäude H
Was einst bewusste ästhetische Entscheidungen waren oder vielleicht auch zufällig entstand, begreifen wir heute als Teil der Geschichte des Hauses. Anstatt diese Spuren zu glätten oder zu korrigieren, geben wir ihnen Raum, setzen sie in einen neuen Zusammenhang und fügen eine weitere Zeitschicht hinzu.
Wie bereits erwähnt, lässt der offene Ansatz des Entwurfs zu, dass wir alle möglichen Referenzen einbringen können. Das Projekt wird sehr persönlich und in Teilen sogar irrational.
Normalerweise haben wir Referenzen häufig taktisch eingesetzt. Gebäude in ähnlichen Situationen wurden sich angeguckt, einzelne Elemente von ihnen kopiert/ leicht abgeändert. In Konsultationen dienten diese Referenzen und Elemente dann als Argumente und Anhaltspunkte.
In einem Begleitseminar für unseren Entwurf (Unfinished Models) geht es in eine ähnliche Richtung. Jede Gruppe wählt ein Gebäude aus einer Liste von Referenzen und baut daraus dann ein absichtlich unfertiges Modell. Dieses Modell soll sich aber nicht als eine direkte Wiedergabe der Referenz geben, sondern bewusst eigene kleine Veränderungen beinhalten, sozusagen eine eigene Interpretation des Gebäudes.
Das Gebäude unserer Gruppe, ein Einkaufszentrum von dem Architekten James Wines in den USA, hat uns dadurch das Semester über eng begleitet. Es dient als Ausweicher, wenn wir im Hauptentwurf nicht weiterkommen und als Inspiration - auch wenn es eigentlich nicht viel mit unseren Häusern in Gotha zu tun hat.
Am Ende unseres Entwurfs war für uns deshalb ein sehr wichtiger Teil, was ihn inspiriert hat. Unsere Referenzen haben wir zum Teil gezeichnet, unsere Modelle wie Bühnen gebaut und Fotoessays aufgehängt.
Vor allem die letzten Wochen waren sehr viel Arbeit für die Handzeichnungen und Modelle, die Teil unserer finalen Hängung wurden.
Außerdem haben wir sehr viele unserer früheren Zeichnungen mit aufgehängt. Das Resultat wurde also zu einer Art geordnetem Chaos, ähnlich unserer Arbeitsweise des Semesters.
Für Außenstehende ist es nun wahrscheinlich schwierig zu erkennen, was Referenz ist, was nicht, was final ist, was ein Zwischenstand, was Bestand ist und was Eingriff. Genau darum ging es uns.