[...] wie aufregend!
ich kann ja jetzt alles schreiben was ich will!
eine neue geschichte,
eine neue chance
und wo könnte ich sie besser beginnen
als bei lucas, in der textilwerkstatt:
no. 1
anfang
kleine funkelnde schneeflocken
die sich leise auf der werkbank
zur siesta treffen
ich habe mich kurz gefragt,
aber vielleicht ist das gerade nicht wichtig,
ob sie fallen oder fliegen
vielleicht liegt die antwort dazwischen,
im schweben
ich liebe wenn lucas
seine augen schließt,
den kopf zur seite dreht,
sein kinn nach vorn
und lacht
wenn er das macht, mag er dich
und findet lustig was du sagst
blühender kopfschmuck aus
regenbogenglimmernden durchsichtigen perlen
eigentlich muss er einen text für die uni lesen
aber zuerst möchte er seinen perlen
ein zuhause nähen
blauer samt, weiße spitze,
gemusterte stoffe, die tapete für
ein wohnhaus aus den 20ern sein könnten
hier müssen stoffreste nicht beweisen,
dass sie wichtig sind
kleine stecknadeln mit herzen als köpfe,
sie halten fest,
sie werden wieder gelöst
kostüme die nicht mehr passen
falten sich zurück in stoff
niemand verlangt, dass sie passen
wenn sie nicht passen,
werden sie neu geformt
und dann entsteht aus ihnen etwas neues
das passt
es riecht nach nachmittagslicht und kaffee
zum glück riecht es hier nicht so
wie es draußen im flur riecht
nur lucas schafft es zu sagen,
dass er eine jogginhose näht
und dann ist das die schönste rote hose
die ich je gesehen habe
mit seinen händen streicht er
rotbraunes leder glatt
eine zaubershow
und ich darf im publikum sitzen
nur eine werkbank entfernt
in der ersten reihe
und ich lerne,
es ist die bewegung selbst
die den trick möglich macht
oben in einer garnrolle, der blumenstrauß
den ich ihm mal mitgebracht habe
er hat ihn aufgehoben und trocknen lassen
jetzt ist er teil des inventars
verrückt dass sie noch genau so schön aussehen
vielleicht sind dinge nur dann vergänglich
wenn wir uns dagegen entscheiden sie zu behalten
und vielleicht muss man der zeit manchmal
einfach vertrauen
und los lassen
und dann bleiben die blumen,
ohne dass sie bleiben müssen
vor mir,
eine imaginäre dosentelefonschnur entfernt,
schimmert mein amore fenster
ich muss nicht raus in die kälte
um zu wissen dass es da ist
hinter mir
das rattern der nähmaschine
der rote faden,
der einfach nochmal aufgetrennt
und neu angesetzt wird
wenn man sich mit der nadel verfahren hat
neben mir,
lucas
unsere blicke treffen sich
und ich schließe meine augen
drehe meinen kopf zu seite
mein kinn nach vorn
und lache
no. 3
abschied
düsseldorf hauptbahnhof
ein komisches bauchgefühl
es muss die stadt sein
ich ertrage keine abschiede mehr
davon gab es in den letzten zwei wochen
vier zu viel
wird man nicht besser in dingen,
wenn man sie oft macht?
ich schreibe und schreibe um zu lernen
aber ich übersehe etwas
es zerreißt mich
dass ich meinen onkel gilberto mehrere sommer nicht gesehen habe
und ich auch keinen sommer mehr bekommen werde
dass ich letztes jahr kurz in die alte hölle,
die früher mein zuhause war zurück gerutscht bin
dass ich alle um mich herum
hab darunter leiden lassen
das amore fenster hat nach zwei einbrüchen sein erstes zuhause verloren
im monster seminar ging es darum
dass wir immer dann angst haben
wenn wir eine situation nicht einschätzen können
es ist nicht die stadt
letztes jahr hab ich jeden tag gesagt
dass ich das gefühl habe ich bin schneller als das leben
irgendjemand hat jetzt die most insane lore zugfahrt-lektüre
die liebesgedichte für die menschen aus dem salon,
meinen no contact kalender
worte an gilbertos mann
das bluenote ticket meines ersten auftritts in dresden
all die zeilen über dich
vielleicht verliebt sich diese person beim lesen ja auch in dich,
wie könnte sie nicht
vielleicht ist das dann
die liebesgeschichte die sein soll,
sie ist nicht meine
obwohl ich nichts mehr wollte
als dass sie es ist
irgendwie traurig dass diese person dich nur
in meinen Worten fühlen können wird
aber,
wie immer habe ich mitgedacht,
denn natürlich habe ich nicht meinen namen
in das buch geschrieben
dafür aber deinen,
gerngeschehen
vielleicht hast du dann weniger angst vor den gleisen
wenn du sie abholst am bahnhof
und dann kannst du ihr sagen welche farbe sie für dich wäre
und dann kann sie dich da weiter küssen
wo ich zum letzten mal zurück gewichen bin
vielleicht ist sie mutiger als ich es war,
auf die nicht offensichtliche weise
aber wer wäre ich ohne hoffnung?
kann man nicht auch neue geschichten
mit den gleichen charakter*innen schreiben?
ich hab über die ferien kurz gehofft
sie umschreiben zu können
rote tinte, auf meinen wangen,
in meiner tasche,
hab rote fingerabdrücke mitgeraucht
jetzt ist sie weg
irgendwo zwischen münster und essen
heute war das leben schneller als ich
hab davor zu lange gewartet um das fenster offen zu halten
sogar in diesem text tu' ich das noch
aber hoffnung alleine ist kein zuhause, sie ist ein bahnhof
und ich muss einen anderen zug nehmen als den üblichen
ich kann nicht länger an den alten zeilen festhalten
nicht weil sie falsch waren
weil ich sie auswendig kenne
das blue note ticket?
ich brauche den reminder nicht mehr,
ich weiß wohin ich will
das polaroid bild?
brauche ich nicht mehr,
ich weiß wo ich her komme
mein notizbuch?
es gehört mir nicht nur nicht mehr
ich will es nicht mehr
mein liebster füller,
Ich habe versagt dich zu führen
hab mit dir versucht zu halten
was nicht gehalten werden wollte
du konntest nichts dafür.
und weil ich dich liebe,
muss ich los lassen,
vielleicht finden wir irgendwann wieder zu einander
weil wer wäre ich ohne hoffnung?
es tut mir leid
ich konnte dir nur meine schlechteste version geben
also liebe ich dich aus der ferne
no. 2
offener brief
liebster elio,
ich habe deinen brief gelesen,
er hat mir mut gemacht
meine hoffnung nicht zu verlieren.
ich kann dich lachen hören
wir veröffentlichen lieber
unsere worte füreinander
statt sie uns zu sagen
und trotzdem: ich schätze das sehr
hier, wo ich gerade wohne
haben die meisten angst
vor großen gefühlen
wir sitzen alle
im selben sinkenden boot
aber hier nehmen sich die leute nicht an die hand
um sich tanzend ins wasser zu reißen
hier bleiben alle sitzen,
mit ihren durchnässten schuhen.
dabei glitzert das wasser so schön
ich bin allein gesprungen
du würdest es hier mögen:
die häuser sind so klein,
perfekt um mit steinen
an fenstern an zu klopfen
jeden tag höre ich diesen satz:
„dating in weimar ist nichts für mich“
und darauf kommt immer ein
„ja, checke“
die perfekte ausrede
vor echter verbindung
ich glaube diese stadt ist so schlimm
weil alle wollen dass sie es ist
weil es den abschied später leichter macht
das gepäck dafür schwerer
manchmal halte ich die dynamik der drei höfe kaum aus
drei höfe voller möglichkeiten
drei höfe in denen sie nicht gelebt werden
wir studieren um gesehen zu werden
doch sobald uns jemand sehen will
brechen wir ab
die perfekte kettenreaktion
der perfekte vorwand,
nicht mutig sein zu müssen
ich höre jede zweite person sagen
dass sie diesen ort brennen sehen will
aber geschlossene fenster
ersticken flammen
.
.
wir gestalten die schönsten welten
in unseren arbeitsräumen
um vor ihren türen
die perfekte dating-hölle zu erschaffen
.
.
also versuche ich,
mein herz nicht zu verschließen.
auch wenn das weh tut.
wünsch mir glück.
ich vermisse dich.
nicht leise.
nicht selten.
ich hab dich im wasser kurz gesehen,
wir könnten sein,
aber ich schwimme alleine
in liebe,
lori
no. 1
tagebucheintrag
einbruch in amore lori usai
hey,
bist du heute auf dem weihnachtsmarkt?
also weil im büdchen wurde wieder eingebrochen
und ich dachte vielleicht kommst du ja vorbei,
wenn du das liest
…
irgendwann kommt man an einen punkt,
wo einem so viel vermiest und gestohlen wurde
dass man keinen scheiß bock mehr hat.
ich dachte lange der beste weg ist dann
das fenster einfach zu zu machen und gut ist.
dabei hab ich doch diesen sommer
im van-de-velde bau
mein fenster erst aufgemacht.
seit montag fühle ich mich
melancholisch.
ich würde mich diesem gefühl so gern hingeben,
einfach musik hören, rauchen, weinen
auf dieser nassen, kalten wiese im pd hinterhof
und dann nachhause,
heiß duschen und weiter musik hören, rauchen und
schreiben, schlafen.
mein herz ist wund,
ich weine vor der m18,
meine handylautsprecher an meinem ohr,
nachdem ich mir meinen zweiten latte macchiato
mit vier shots espresso gekauft habe.
vielleicht trinke ich den auch nur,
weil er stark genug schallert,
dass er kurz dieses schwellende tinitus-gefühl
in meiner brust übertüncht.
ich wechsle hinterhöfe nur um dich zu sehen,
um dich dann nicht zu sehen.
ich hab so viel angst.
angst zu viel zu sein,
angst andere zu verletzen,
angst mir selber hier so doll weh zu tun
dass ich mich davon nicht erhole
ich hab angst cringe zu sein,
drüber zu sein,
zu viel zu geben
und damit alle zu verschrecken
angst dadurch nie so zu lieben
wie mein herz es sich sehnt.
ich mache ausstellungen über crushes,
erzähle der ganzen uni von meinen gefühlen,
während ich die eine person,
für die das eigentlich sein sollte
meide, oder schlimmer, damit verletze.
ich habe angst dass ich eine schlechte freundin bin
weil ich nur an mich denke und nur von mir rede.
der witz ist,
es ist nicht dass „zu viel“ mich erschöpft
und dass das, wovor ich am meisten angst habe,
das ist wonach ich mich am meisten sehne.
und ja, es kann sein,
dass es zieht
wenn ich das fenster öffne.
vielleicht bricht das glas wieder,
vielleicht wirbelt ein windstoß rein,
oder es regnet mal
und mein notizbuch auf dem fensterbrett wird nass.
vielleicht,
kann ich dann aber auch einfach mal wieder atmen.
weil endlich frische luft rein kommt
vielleicht kommen meine kopfschmerzen
von diesem stickigem zimmer in dem ich mich verstecke
vielleicht kommt jemand an mein fenster
und sieht mich für wer ich wirklich bin
und bleibt
vielleicht knutschen wir einfach
auf dem verregneten fensterbrett
…
und ist dir mal aufgefallen,
dass nur geschlossene fenster
eingeschlagen werden können?